



Liebe Lutherkirche – und liebe Gemeinde!
Es ist, glaube ich, angemessen, wenn ich mich zuerst an das steinerne Geburtstagskind wende:
Liebe Lutherkirche also, ich gratuliere dir von Herzen zum 125. Geburtstag!
Auch für eine Kirche ist das schon ein ganz ordentliches Alter – 125 Jahre!
Mensch Kirche, du bist schon bannig lange hier auf der Welt!
Stehst auf deinem Fundament hier an der Ecke Kölner- und Martin-Luther-Straße, als wolltest du sagen: Ach, Köln, Dom kann ich auch.
Und als wolltest du deinen Paten-Reformator immer an der Seite haben, weil ihr doch zusammengehört, die Kirche und der Refor-Martin.
Du bist eine imposante Erscheinung – so viel zu Gottes Ehre umbauter Raum, so viel Platz für Gedanken, die deinen Besucher:innen in den Bankreihen kommen mögen und die nicht so schnell gegen eine Wand stoßen und fast bis in den Himmel reichen. So viel Luft für den Klang deiner Orgel, von Gesang und Gebet – das ist wunderbar, das ist groß, das ist für heutige Verhältnisse unverschämt großzügig.
Durchbeteter Raum, dessen Baumeister nicht nach Heizkosten fragten und verschwenderisch ihren Glauben als Kirche bauten. So, dass es uns bis heute beeindruckt.
Obwohl die Zeiten sich geändert haben und du, liebe Lutherkirche, etwas aus der Zeit gefallen bist. Du kannst nichts dafür. Aber Deutschland hat schon lange keinen Kaiser mehr und die Kirche, deren Stolz du repräsentierst, ist demütiger und bescheidener geworden, zuerst nicht ganz freiwillig, dann aber immer überzeugter. Und die Gemeinde, die dich Sonntag für Sonntag besucht, ist klein geworden und, wenn wir ehrlich sind, ein bisschen verloren in dir. Nur selten, wenn ‚Solingen singt‘, platzt du noch aus allen Nähten. Noch einmal: Du kannst nichts dafür, hast dich gut gehalten und immer noch ruft dein Turm die Ehre Gottes in alle Windrichtungen und lenkt den Blick in den offenen Himmel.
Ich sage das mit den geänderten Zeiten, damit du verstehst, liebe Lutherkirche, dass wir mit dir nicht auf die nächsten 125 Jahre anstoßen können. Nicht mal auf die nächsten 25.
Und das tut uns weh und ist richtig bitter.
Auch wir können nicht so richtig was dafür, das Kleinerwerden der Kirche und der Gemeinde fing schon vor uns, vor denen an, die heute hier sitzen. Wir haben aber die Verantwortung für dich. Und die liegt uns schwer im Magen und hart auf den Schultern, denn es ist nicht einfach, eine Möglichkeit zu finden, dich weiter lebendig und belebt zu halten.
Du bist ein Schatz, haben sie uns gesagt im Mai bei der Ausstellung ‚Kirchen als vierte Orte‘. Ja, das bist du, ein Schatz und ein wirklicher vierter Ort, ein Ort für Sinn und Glitzersegen, für Tränen und Fragen und Zweifel und Flehen und Lobgesang. Wir werden das nicht vergessen, und irgendwie werden wir dafür sorgen, dass du weiter deine Geburtstage feierst. Und dass du weiter denen, die dich betreten, Schutz, eine Lebensmitteltüte, Zur-Ruhe-Kommen, Abkühlung oder geistliche Heimat bietest, je nachdem, wer kommt und wann.
Herzlichen Glückwunsch, liebe Lutherkirche,
und herzlichen Glückwunsch, liebe Liebhaber:innen der Lutherkirche aus der Stadt, aus der Gemeinde, aus dem Lutherkirchenbauverein, aus der Nachbarschaft – und von Herzen danke für alle Liebe, mit der ihr diese Kirche begleitet und um sie ringt.
Große Spenden, viel Zeit, kreative Ideen sind in diesen Raum geflossen, sie wurde trocken, sie wurde Partylocation, sie könnte Veranstaltungskirche werden. Dank euch! Ohne euch alle wären schon einige ihrer Geburtstage nicht mehr gefeiert worden.
Ohne euch stünde hier ein Bauzaun. Und mit euch werden wir gemeinsam tun, was wir können, damit das nicht doch noch so kommt, damit dieser Kirchenraum auch dann, wenn die Solinger evangelische Kirche ihn nicht mehr bespielen und bezahlen kann, belebt und lebendig bleibt, ein echter vierter Ort für die Menschen unserer Zeit.
Möge Gott uns dazu seine Geistkraft und reichlich Geistesblitze schenken!

