
Liebe Solingerinnen und Solinger, liebe Gäste, liebe Anwesende!
33 Jahre sind seit dem mörderischen Brandanschlag auf das Haus in der Unteren Werner Straße vergangen. Vor 33 Jahren wurden Gürsün Ince, Hatice Genc, Gülistan Öztürk, Hülya Genc und Saime Genc aus rassistischem Hass ermordet.
Und seit 32 Jahren erinnern Angehörige der Toten und Anteilnehmende aus der Stadtgesellschaft hier am Mahnmal an die Toten, sagen ihre Namen, trauern und mahnen zum Einsatz gegen Hass und Rassismus und Gewalt, damit so etwas nie wieder geschehen kann.
Fast genauso lange wird in jedem Jahr wieder gefragt: Was bringen diese Gedenkstunden?
Erst einmal: Es geht nicht in erster Linie darum, ob diese nachdenklichen Zusammenkünfte einiger weniger am Jahrestag etwas bringen. Es ist in erster Linie ein Bedürfnis der Menschlichkeit, hier zu stehen und den Angehörigen der Familie Genc und den Toten öffentlich Respekt zu erweisen.
Es ist ein Ausdruck der Menschlichkeit, sich auch nach Jahren noch im Alltag unterbrechen und in den eigenen Geschäften stören zu lassen. Wo Menschen ermordet wurden, geht man nicht einfach so zur Tagesordnung über.
Und dann: Es ist in zweiter Linie für die ganze Stadtgesellschaft immens wichtig, sich hier gegen mögliche Wiederholungen schrecklichen Unrechts auszusprechen. Auch das ist ein Bedürfnis der Menschlichkeit. Vielleicht bringt auch das nicht viel. Aber ohne das geht etwas verloren. Und die Stimmung kann kippen, Tabus können gebrochen werden.
Etwas, das einmal geschehen ist, kann wieder geschehen. Und es ist wieder geschehen. Am 25. März 2024 hat ein ebenfalls rassistisch motivierter Brandstifter die vierköpfige Familie Zhilov ermordet. Und am 23. August 2024 hat ein von Hass und Menschenverachtung getriebener Messerstecher auf dem Fronhof drei Menschen ermordet. So verschieden die Taten sind, wir erleben: Hass breitet sich in unserer Welt, in unserem Land aus. Gegen muslimischen Menschen. Gegen jüdische Menschen, gegen Queere, gegen Frauen, gegen Minderheiten, gegen die offene Gesellschaft. Hass und Gewalt breiten sich aus gegen Menschen, einfach, weil sie sind, was und wie sie sind. Es geschieht immer wieder. Darum dürfen wir nicht aufhören, uns gegen Hass auszusprechen und für Respekt und Zusammenhalt.
Und es ist unbedingt wichtig, hier zu stehen und Hoffnung laut werden zu lassen. Das ist in dritter Linie wichtig und auch etwas zutiefst Menschliches, ein Ausdruck von Sehnsucht, von der Sehnsucht nach einer Welt, die ein guter Ort für alle ist, und von der Sehnsucht über diese Welt hinaus, nach einem Himmel voller Gerechtigkeit und Leben. Wo diese Sehnsucht nicht mehr ist, fehlt etwas. Darum stehen wir hier für die Hoffnung über das, was ist, hinaus.
Hass kann Leben töten, aber nicht auslöschen: Die Namen bleiben. Die Erinnerung bleibt. Und die Hoffnung bleibt.
Die Namen bleiben. In unserem Gedächtnis. Der christlichen Tradition nach von Gott aufgeschrieben im Buch des Lebens. In den sozialen Medien erinnert durch den Hashtag ‚say their names‘: Gürsün, Hatice, Gülüstan, Hülya und Saime.
Die Namen bleiben, damit die Erinnerung bleibt. Und damit die, die sie nicht kannten, an den Erzählungen teilhaben können, ihre Fotos sehen, von ihren Träumen erfahren, Geschichten über sie hören. Damit die Toten nicht mit der Zeit in Vergessenheit geraten.
Sondern bei Gott, bei Allah geborgen sind. Das ist die Hoffnung, die ich hier für sie ausspreche: Dass sie das ewige Leben haben. Dass die Mörder nicht triumphieren. Dass der Tod nicht das letzte Wort hat. Sondern Gott. Und dass dieses letzte Wort Gottes etwa so klingt: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du gehörst zu mir.
Bringt es etwas, dass wir hier stehen? Ich weiß es nicht. Ich stehe hier, weil für mich Respekt, Wachsamkeit und Hoffnung Bedürfnisse der Menschlichkeit sind und Ausdruck meiner christlichen Hoffnung über das, was ist, hinaus.
Ich bin überzeugt davon: Wenn wir nicht hier stehen, fehlt uns etwas und geht der ganzen Stadt etwas verloren. Darum lasst uns immer wieder kommen.
Friede sei mit euch, Salam aleikum.

