9. Kippa-Tag in Solingen

Liebe Geschwister!

Die Angst nimmt zu in unserer Zeit. Beklommenheit wächst, und viele fühlen sich verunsichert. Vor allem seit Sonntag. Diese Gefühle haben viele, Einzelne und Gruppen, und sie werden sehr verschieden davon getroffen.

Es gab eine Zeit, da dachten wir, niemand müsse sich in Deutschland mehr unsicher fühlen, die Beklommenheit sei gewichen und die Angst besiegt. Wir haben uns geirrt. Die Angst war nur jahrelang beschwichtigt. Seit rund zehn Jahren ist sie mit wachsender Wucht wieder da.

Die jüdischen Bürgerinnen und Bürger unseres Landes, unserer Stadt, spürten es als erste. Klammheimlicher Antisemitismus wurde lauter und öffentlicher und unwidersprochener, das Wort ‚Jude‘ wurde als Schimpfwort missbraucht und ‚Hate speech‘ gegen Jüdinnen und Juden flutete die sozialen Medien. Die nichtjüdische Bevölkerung hielt lange am Irrtum des sicheren Landes fest und verstand nur langsam. Sie sprach noch von Anfängen, denen man wehren müsse, da wurde in Halle die Synagoge angegriffen. Unsere Kippa-Tage, die es da schon gab, verhinderten nichts und änderten nicht viel. Aber sie versuchten ehrlich zu zeigen: Wir bleiben beieinander, und stehen zueinander.

Seit dem 7. Oktober 2023 nimmt der öffentlich geäußerte Hass zu, der den Staat Israel meint und oft genug die jüdischen Menschen hier trifft. Weltweit ergreifen Menschen, ohne wirklich etwas von der Situation zu verstehen, Partei; oft mit unverhohlenem Antisemitismus. Das Zusammenbleiben wird schwieriger, nicht, weil man so gern mit dem Strom schwimmen würde, sondern, weil so vieles in der politischen Linie und in der kriegerischen Ausrichtung so schwer zu verstehen ist. Wenn man sich nicht versteht, ist das Zueinanderstehen und miteinander Weitergehen nicht einfach.

Darum möchte ich heute an ein Wort Jesu aus der Bergpredigt erinnern: „Wenn dich jemand nötigt, eine Meile mit ihm zu gehen, so geh mit ihm zwei.“

Im ursprünglichen Zusammenhang geht es um die Macht des Stärkeren, der jemanden nötigen kann. Ich stelle es in den Zusammenhang der Macht der Nächstenliebe, die uns heute nötigt.

Die Nächstenliebe hält uns beieinander und miteinander auf dem Weg: Wenn dich die Liebe nötigt, eine Meile mit deinem Nächsten zu gehen, so geh mit ihm zwei. Oder drei.

Wo zwei zusammen auf dem Weg sind, geht es sich leichter. Man kann Lasten teilen, einander Rückendeckung geben und miteinander reden oder sogar singen, denn das vertreibt die Angst.

Gerade jetzt geht es darum, dass die nichtjüdische und die jüdische Bevölkerung in diesem Land für die Extrameile beieinanderbleiben. Es geht darum, zu vertrauen und sich nicht auseinander dividieren zu lassen. Es geht um Solidarität und darum, den Weg der jeweils anderen mitzugehen und zu erleben, was ihnen widerfährt. Es geht darum, auch mit Kritik und Fragen und in Unverständnis und Hilflosigkeit miteinander weiterzugehen, Meile um Meile, und so Verstehen zu ermöglichen. Die Extrameile dient dem Schutz der Bedrohten, ist ein Zeichen gegen Antisemitismus, und hilft, die Angst, die so viele auf verschiedene Weise trifft, gemeinsam zu besiegen. Was wäre unsere Weggemeinschaft wert, wenn sie in schwierigen Zeiten nicht Bestand hätte? Lassen wir uns nicht lange bitten, einander meilenweit zu begleiten.