Predigt und Lesung für vier Stimmen






Was mir heute durch den Kopf geht … (Lesung für vier Stimmen)
1.: Es ist jetzt zwei Jahre her – der mörderische Messeranschlag auf dem Fronhof, der Abbruch des Festivals der Vielfalt zum 650. Stadtgeburtstag, der Schock, das Entsetzen, der Schmerz, die Trauer. Drei Menschen sind vor zwei Jahren brutal ermordet worden, acht schwer verletzt, viele andere traumatisiert und getroffen und überhaupt nicht drüber weg. Was geht euch heute durch den Kopf?
2.: Für mich sind zwei Jahre gleichzeitig sehr lang und ganz kurz: Auf der einen Seite ist es so lange her, dass ich kurz überlegen muss, welches Datum es genau war. Auf der anderen Seite holt mich die Erinnerung jedes Mal ein, wenn ich an dem Gedenkstein an der Kirche vorbeigehe.
3.: Mich holt die Erinnerung ein, wenn ein neuer Anschlag passiert. Als vor vier Wochen der Angriff auf den Berliner CSD war, war ich sofort wieder in den Tagen im August 2024, mit all den Fragen, der Erschütterung und der Angst. Und ich spüre wieder die Belastung durch die vielen Debatten über ‚nach Solingen‘, die mich frustriert haben, weil das, was hier passiert war, so empathielos instrumentalisiert wurde.
2.: Das geht mir auch durch den Kopf: Wie viel seitdem passiert ist. Und wie ähnlich die Reaktionen sind, die wir in den Medien hören. Und wie wenig von den Maßnahmen, die dann versucht werden, weiterhilft.
4.: Ich kann noch nicht genau fassen, was mir durch den Kopf geht: Direkt nach dem Anschlag war es der Schreck, als ich merkte, wie leicht ich selbst da vor der Bühne hätte stehen können. Im vorigen Jahr war es die Frage, ob die Stadt wieder feiern könnte und ob wir wieder unbefangen zum Stadtfest und über den Fronhof gehen. In diesem Jahr ist es vielleicht das: Wie kriegen wir das hin, die Opfer nicht vergessen, das ganze Leid und den Schmerz nicht abzuhaken, und trotzdem weiterzugehen.
Denn wir sind weitergegangen in den letzten zwei Jahren.
1.: Für mich ist es die Frage, wie ein gutes, gemeinsames, öffentliches Gedenken aussehen kann. Und ich hoffe, dass das, was wir für heute geplant haben, dem nahekommt. Ich finde, es darf nicht zu viel und nicht zu wenig sein, vor allem kein Selbstmitleid, sondern Trauer um die Toten und Verletzten – und keine fertigen Antworten. Denn wir haben noch Fragen.
3.: Die Fragen werden eher mehr. Jeder neue Anschlag zeigt, dass es eben nicht einmal passiert, sondern öfter. Dass da wirklich religiös-ideologisch befeuerter Hass auf ein offenes, buntes, frohes Leben ist, der sich immer wieder mörderisch Bahn bricht. Ich verstehe, das gesagt wird: Wir machen weiter, wir lassen uns unsere Art zu leben nicht vermiesen, denn sonst haben die Attentäter gesiegt. Aber ich frage auch: Was können wir tun, um diesen Hass zu brechen, ihm den Nährboden zu entziehen? Alles, was wir bisher versucht haben, hat zu wenig gebracht, vielleicht, weil die Grundprobleme und Grundbedürfnisse nicht erreicht werden.
2.: Das stimmt. Und da fühle ich mich hilflos. Und überfordert. Auf der einen Seite finde ich es selbstverständlich, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Und die vielen, deren Eltern und Großeltern schon zugewandert sind, gehören ja eh hier hin und haben hier ihre Heimat. Auf der anderen Seite wünsche ich mir Sicherheit und dass die liberale Lebensart geschützt und auch von denen, die hierherkommen, respektiert wird. Wie wir das alles hinbekommen, Offenheit und Sicherheit, dazu Respekt und die Kraft, all die Veränderungen unserer Zeit gut zu gestalten – ich weiß es nicht.
4.: Mir geht es ähnlich, ich weiß es auch nicht, wie wir das hinkriegen können. Und irgendwie scheint es niemand zu wissen. Vielleicht, weil es wirklich eine neue Aufgabe ist, die so noch nicht da war. Mein Ansatzpunkt wäre: Bloß nicht so tun, als wäre da kein Problem. Und bloß nicht so tun, als gäbe es da eine einfache Lösung. Ich meine: Die beste Chance, weiterzukommen, ist, sich der schwierigen Gemengelage zu stellen.
1.: Und zuzugeben, dass erst mal keine Lösung da ist. Das ist das, was ich eben meinte: Wir dürfen nicht so tun, als hätten wir fertige Antworten. Weder auf die Frage nach Trauer und Gedenken, noch auf die nach der Lösung unserer Probleme.
Wenn der erste Schritt ist, die Probleme und die Hilflosigkeit nicht zu leugnen, dann schlage ich als zweiten Schritt vor: Gucken, wie man da, wo man ist, und mit denen, die man kennt, Gesprächs- und Gedankenräume schaffen kann, die über die eigene Bubble hinausgehen. Wo Menschen mit verschiedenen Meinungen miteinander reden.
3.: Ja. Da ansetzen, wo wir selber leben. Und bei dem ansetzen, was wir glauben. Ich meine, vor allem dabei, dass wir glauben, dass Gott gedenkt: an seine Menschen; an die, denen Unrecht geschieht. Vor zwei Jahren haben wir in der Predigt gesagt: Gott geht über den Fronhof, er ruft: Mensch, wo bist du? Und: Mensch, wo ist dein Bruder? – so lange, bis er uns gefunden hat. Und vor einem Jahr haben wir in der Predigt daran erinnert, dass Gott die Schmerzensschreie der Leidenden hört, und dass, wenn sie nicht mehr schreien können, ihr Blut von der Erde schreit. Dass so Gott das Leid hört. Das alles sind biblische Bilder, die sagen, dass Gott gedenkt, dass Gott niemanden vergisst und dass ihm das Schicksal der Welt und jedes einzelnen Menschen nicht egal ist. Mich tröstet das. Jedenfalls manchmal.
4.: Mir hilft es, die Hoffnung nicht ganz zu verlieren. Und nicht zynisch zu werden. Es hilft mir, mich nicht abzufinden und auf Frieden zu hoffen und immer wieder eine Taube fliegen zu lassen.
1.: Danke euch. Ein paar Gedanken versuche ich, zusammenzufassen. Für diesen zweiten Jahrestag.
Wir sind
weitergegangen, vorsichtig, zögerlich.
Frieden?
Oder schnell, mit entschlossenen oder bedächtigen Schritten.
Frieden!
Wir haben
noch Fragen: Warum? Warum Solingen?
Warum Menschen töten, verletzen, verstören
so dass nichts mehr sein kann, wie es mal war?
Wir lassen
die Taube fliegen: Finde uns Frieden.
Finde uns festen Boden.

Predigt zu 1. Mose 8, 10.11
„Da ließ er eine Taube fliegen aus der Arche. Die kam zu ihm um die Abendzeit, und siehe, ein Ölblatt hatte sie abgebrochen und trug´s in ihrem Schnabel.“
Liebe Gemeinde,
die Taube kommt aus der Sintflutgeschichte – jener Geschichte, die erzählt, wie erst die Menschen die Nerven verlieren und dann Gott die Geduld mit ihnen. Und wie dann alles untergeht, was war. Bis am Ende die Baumkronen wieder hervorragen, so dass die Taube das Ölblatt findet und die Erde wieder zum festen Boden wird und Gott den Regenbogen in die Wolken stellt.
Unsere Taube kommt aus dem großen Friedensbanner, das seit einem Jahr an der Kirche hängt über dem Gedenkstein an den Messeranschlag vom 23. August 2024.
Beide Tauben sind das Symbol der Hoffnung, dass auch aus großem Schrecken und tiefem Leid und richtig üblem Mist wieder etwas Schönes, Lebendiges, Zukunftsweisendes herauswachsen kann. Beide Tauben lassen wir heute fliegen.
Die Bibel erzählt von der Sintflut. Zuvor verlieren die Menschen die Nerven. Sie legen sich mit Gott an. Sie vergleichen sich miteinander und morden, wenn die anderen einfach nur anders oder vermeintlich besser sind. Sie nehmen sich, was sie wollen, und achten die Würde ihrer Mitmenschen nicht oder gering; sie machen Menschen zu Dingen.
Sie tun das alles, weil sie ihrer selbst nicht sicher sind und nicht glauben, dass Gott sie liebt. Sie tun das alles, weil sie fürchten, zu kurz zu kommen, und nicht glauben, dass Gott reichen Segen für alle hat. Und sie tun das alles, weil sie sicherheitshalber sich selbst an die Stelle Gottes setzen, denn sie glauben nicht, dass sie Gott vertrauen können.
Die Bibel schmückt das nicht besonders aus, sie erzählt wenig Einzelheiten. Sie erzählt auch nicht eine konkrete historische Situation, sondern sie erzählt, wie es so ist mit den Menschen, mehr oder weniger immer und überall. Und darum erkennen wir Symptome immer wieder: Menschen setzen sich an Gottes Stelle und urteilen über andere. Fanatisch bekämpfen sie, was sie hassen und für unnormal halten, und missbrauchen Religionen für brutale Kreuzzüge. Menschen kaschieren ihre eigene Unsicherheit, indem sie anderen die Zugehörigkeit absprechen. Sie stabilisieren sich selbst, indem sie andere abwerten und sich über sie stellen. Menschen morden ohne Ansehen der Person und bringen unendliches Leid über andere, und oft glauben sie an einen Lohn dafür im Himmel.
Wir haben das auch in Solingen wiedererkannt, vor zwei Jahren. Der Attentäter missbrauchte den islamischen Glauben, verdrehte ihn islamistisch und fanatisch und ließ seinem Hass auf unsere Gesellschaft freien Lauf. Wir wissen bis heute nicht genau, ob er allein war. Aber fest steht wohl, dass er wissen konnte, dass da andere waren, die denken wie er; islamistische Gruppen, die die friedliche und bunte und manchmal zu sorglose westliche Gesellschaft hassten und verletzen, ja vernichten wollten. Und so mordete er auf dem Festival der Vielfalt und tat denen, die es traf, entsetzlich weh. Auch denen, die überlebt haben.
Bis heute ist da diese tiefe Trauer um die drei Getöteten, und um die acht Schwerverletzten, und um die, die diese Nacht einfach nicht mehr vergessen können. Und bis heute ist da Schmerz und Mitleid und sind da verlorene Unbefangenheit und die hilflose Frage danach, wie man sich denn schützen könne.
Wie man weiterleben kann mit den Erinnerungen im Gepäck. Was man denken kann und was man tun soll, wenn auch in anderen Städten Attentäter in pervertiertem Glauben an Gottes Größe morden und Angst verbreiten. Und wenn danach überall versucht wird, die richtigen Konsequenzen zu ziehen. Und wenn dabei dann fast unvermeidlich Unschuldige und Unbeteiligte zwischen die Mühlen geraten. Irgendjemand muss doch schuld sein, außer dem Täter! Darum wenden sich die einen gegen die anderen, und so entstehen Gräben und Risse in einer Stadtgesellschaft und Vorwürfe werden persönlich und Gemeinschaft wird zum Zerreißen gespannt.
So entstehen großer Schrecken und tiefes Leid und richtig übler Mist und ein Land versinkt fast in Resignation: Was sollen wir schon tun? Was kann ich schon tun? Es geht eben alles den Bach runter.
Vielleicht war es eine ähnliche Situation vor der Sintflut, von der die Bibel erzählt und von der sie sagt: Der Menschen Bosheit war groß auf Erden. Und dann erzählt sie, wie Gott die Geduld verliert mit dieser Bosheit und alles hinwegschwemmen will und dann noch einmal neu anfangen. Dann kommt das Wasser und nur wenige werden in der Arche gerettet.
Ich glaube, so könnten wir heute nicht mehr von Gottes Eingreifen reden. Aber dass sich in schwierigen Zeiten das Chaos Bahn bricht und nicht mehr unter Kontrolle zu bringen ist oder nur um den schrecklich hohen Preis des Verzichts auf Demokratie, Mitbestimmung und Freiheit, das kennen wir. Die Bibel spricht da von Gottes Gericht, wir heute eher davon, dass die Folgen unseres Tuns über uns kommen. Gemeint ist etwas Ähnliches: Wir haben die Lage nicht mehr im Griff, die Dinge entwickeln eine zerstörerische Eigendynamik und reißen uns mit.
Vor einer solchen Entwicklung habe ich Angst. Und ich weiß von vielen, dass auch sie davor Angst haben. Und dass ein Terrorakt wie der Messeranschlag wirken kann wie der Anfang einer solchen zerstörerischen Eigendynamik. Dass dann alles, was wir aufgebaut haben und wertschätzen, in Frage steht und weggespült werden kann.
Ich stelle mich mit meiner Angst in die biblische Geschichte. In dieser Geschichte geschieht das Schlimmste: die bekannte Welt versinkt. Und die Menschen sind selbst daran schuld, sie haben das selbst verursacht und nicht mehr kontrollieren können.
Aber dieses Schlimmste geschieht, und es ist nicht das Ende.
Nach vierzig Tagen fliegt die Taube. Über die Trümmer und über den Schlamm. Einmal kommt sie mit leerem Schnabel zurück. Eine Woche später fliegt sie erneut. Und kommt mit einem Ölzweig im Schnabel zurück. Zum Zeichen, dass da noch und wieder Leben ist. Und Hoffnung auf Frieden. Und wenig später schenkt Gott den Regenbogen als Zeichen: dass er nicht mehr zulassen wird, dass die Folgen der menschlichen Bosheit und Ahnungslosigkeit und Selbstüberschätzung die Erde zerstören.
Die Taube mit dem Ölzweig und der Regenbogen mit seinen vielen Farben sind Zeichen dafür, dass auch das Schlimmste nicht das Ende ist. Dass die Hoffnung und Gottes Liebe größer sind. Dass wir wieder festen Boden unter die Füße bekommen, in unserer Stadt, in unserem Land, auf der Welt.
Und wenn wir am Ende noch einmal fragen, was wir tun sollen, was wir denn tun können, dann das: Immer wieder die Taube fliegen lassen. Uns mit unseren Gefühlen in die biblische Geschichte stellen. Immer wieder hoffen. Nicht vergessen, was war, und die, die leiden und trauern, nicht allein lassen, und wo immer möglich, die Risse überbrücken und die Gräben zuschütten. Im Zeichen des Regenbogens Respekt und Vielfalt leben. Sich nicht selbst für Gott halten und andere Lebensarten nicht verurteilen.
Immer wieder die Taube fliegen lassen, damit sie uns Friedenszeichen bringe und festen Boden finde.
Amen.

