
Lesungstext: Matthäus 6, 25-34; Predigttext: 1 Petr. 5, 5b-11
Liebe Gemeinde,
der Predigttext für heute steht im ersten Petrusbrief, im fünften Kapitel, und ich nehme aus dem Text vorerst nur einen Satz, den ersten: „Alle aber miteinander haltet fest an der Demut, denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“
„Alle aber miteinander haltet fest an der Demut.“ Bei Petrus ist das eine Mahnung, und im Kontext des Briefes geht es um Ein- und Unterordnung, um Gehorsam. Das ist es nicht, wo ich anknüpfen möchte. Ich interessiere mich für Demut als Haltung selbstbewusster und unabhängiger Menschen.
Demut. Was denken Sie, wenn sie dieses Wort hören? Das klingt nicht so verlockend, oder? In meinen Ohren klingt es klein und mucksmäusig. Aber das ist eigentlich nicht der Sinn des Wortes, den hat es bloß bekommen, in einer Welt, in der Hochmut geachtet wird. Das griechische Wort meint Selbstbescheidung – also weder ein klein gemacht werden noch Selbstverleugnung. Das deutsche Wort Demut bedeutet dienstwillig.
Demut. Selbstbescheidung eben und Ausdruck der Dienstwilligkeit, biblisch gesprochen: Nachfolge. Jesus nachfolgen. Nicht selbst vorangehen. Gott dienen. Nicht sich selbst zum Herrscher oder zur Herrscherin machen. Und beides selbst entscheiden, selbstbewusst leben. Dabei frei sein.
Mir fällt ein Gleichnis bei Lukas ein. Er erzählt von einer Hochzeit und gibt den Rat: Wenn du eingeladen bist, setze dich nicht auf den besten Platz, denn es könnte einer kommen, dem er mehr gebührt als dir. Setze dich auf einen der unteren Plätze, und wenn der Gastgeber meint, du sollst heraufrücken, wird er kommen und es dir sagen. Das ist Demut: Sich nicht selbst erhöhen. Sich selbst bescheiden.
So geht auch unser Predigttext nach dem ersten Satz weiter: „So demütigt euch unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.“
Demut. Selbstbescheidung. Dienstwilligkeit. Nun ist das Leben kein Hochzeitsfest und nun hat der Alltag keine übersichtliche Tischordnung. Und gerade unsere Zeit feiert den Hochmut und hofiert die Herrschsüchtigen. Wir sehen ohnmächtig dem Zerbrechen des Zusammenhalts zu.
Mich beunruhigt das. Drei Beispiele aus den letzten Wochen.
Da moderiert Dunja Hayali einen Beitrag zur Ermordung von Charlie Kirk in den USA an. Und sagt deutlich, es gebe beim Tod eines Menschen nie Grund für Jubel und Feier, aber eben auch keinen Anlass, Kirk zum Märtyrer zu stilisieren. Und sie wird überschüttet mit Morddrohungen und Hass – so heftig, dass die Bezeichnung als ‚Shitstorm‘ eine Verharmlosung ist, und sie sich für eine Weile aus der Öffentlichkeit zurückzieht. Auf Instagram lese ich: „Wenn die, die sagen, man darf nichts mehr sagen, das Sagen haben, darf man nichts mehr sagen.“
Da hängt ein Flensburger Geschäftsmann ein Schild mit der Aufschrift ‚Juden unerwünscht‘ ins Schaufenster – und verschiebt einmal mehr die Grenzen des Sagbaren. Auch wenn es eine Anzeige gab und das Schild entfernt wurde, mit diesem Schild wird die unheilvolle Geschichte der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts einschüchternd heraufbeschworen. „Es ist geschehen, und folglich kann es wieder geschehen“ sagte der italienische Holocaust-Überlebende Primo Levi.
Mit der heutigen Stichwahl können in drei nordrheinwestfälischen Städten AfD-Politiker die Komunalwahl gewinnen und Oberbürgermeister werden. Fast überall sitzen starke AfD-Fraktionen in den Stadträten. Auch in Solingen. Die Brandmauer bröckelt. Es heißt jetzt: Wir reden mit allen! Oder: Mit vielen von denen kann man reden! – Vielleicht. Ich weiß es nicht, ich bin skeptisch. Wichtig ist, dass dann über die richtigen Dinge geredet würde, über Menschenwürde, über Menschenrechte, über Respekt und verbindliche Geltung des Grundgesetzes, über eine gerechte, alle Individuen schützende und sichere Gesellschaft. Man muss dann auch darüber reden, worüber nicht geredet werden kann, was nicht zur Disposition steht. In diesem Land ist es schon einmal geschehen, dass eine demokratisch gewählte Partei eine Diktatur errichtet hat. Das wollten wir nie wieder geschehen lassen!
Drei Geschehnisse, die mich beunruhigen. Und verunsichern. Sie alle haben mit Hochmut zu tun. Mit Selbsterhöhung. Mit Einschüchterung von denen, die andere Meinungen haben. Mit dem Anspruch, selbst etwas Besseres zu sein und anderen Rechte beschneiden zu dürfen.
Was heißt demgegenüber Demut? Selbstbescheidung? Dienstwilligkeit? Nachfolge? Es heißt jetzt nicht, sich still auf den untersten Platz zu setzen wie bei dem Hochzeitsfest. Es heißt jetzt nicht, sich dem Hochmut unterzuordnen. Es heißt jetzt, sich Gott unterzuordnen, und das ist etwas ganz anderes.
Lassen sie uns da etwas nachfassen – sich Gott unterordnen!
Gott ist nicht hochmütig, und Gott ist nicht willkürlich. Sich ihm unterordnen heißt, sich an seine Gebote zu halten. Damit alle leben können. Selbstbescheidung und Dienstwilligkeit bedeuten dann: Gottes Gebote anerkennen. Selbstbewusst anerkennen. Solche Demut ist etwas anderes als gedemütigt werden.
Solche Demut ist Nüchternheit und Wachheit, wenn der Widersacher, der Teufel, umhergeht wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.
Gottes Gebote sind, zusammengefasst, die Zehn Gebote. Oder, kürzer, das Doppelgebot der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Für unsere Gegenwart schlage ich eine Kurzfassung der Zehn Gebote vor, die, so meine ich, für jetzt das Wichtigste auf den Punkt bringt:
Gott gelten lassen.
Mitmenschen leben lassen.
Recht walten lassen.
Was meine ich damit?
Gott gelten lassen. Das meint im Kern: Mensch bleiben. Sich nicht an Gottes Stelle setzen, auch keinen anderen Menschen an diese Stelle setzen und niemanden dämonisieren.
Für Gläubige Menschen bedeutet das, nicht so zu tun, als habe man Gott in der Tasche und wisse, was Gottes Wille sei, so, wie es gerade jetzt bestimmte evangelikale Gruppen in den USA tun. Gott gelten lassen heißt für gläubige Menschen, über Gott nicht zu verfügen und den Unterschied zwischen sich selbst und Gott nicht vergessen, nicht verwischen. Gott ist Gott, und Mensch bleibt Mensch.
Gott gelten lassen bedeutet auch, sich Menschen nicht demütig unterordnen.
Das heißt es auch für ungläubige Menschen: Für sie besteht die Herausforderung darin, Gott dadurch gelten zu lassen, dass sie in ihrem atheistischen Weltbild Gottes Platz dann leer lassen. Und weder eine Ideologie noch eine Wissenschaft noch eine Partei vergöttern. Damit Menschen Menschen bleiben und sich nicht selbst vergötzen.
Mitmenschen leben lassen. Das meint im Kern: die Gleichheit der Menschen anerkennen. Weder Geschlecht noch Hautfarbe, weder sexuelle Orientierung noch soziale Stellung als Merkmal grundsätzlicher Über- oder Unterordnung begreifen und darum die anderen in ihrem jeweiligen Sein lassen. Respektieren. Anerkennen. Leben lassen ist auch mehr als überleben lassen, darum steckt darin auch etwas von Chancengleichheit, Zugang zu Bildung und Kultur, Teilhabe am sozialen Leben. Leben lassen verlangt darum aktives Sich-Einsetzen für andere‚ und gleichzeitig Hilfe zur Selbsthilfe. ‚Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du‘ sagt das biblische Liebesgebot. ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ sagt das Grundgesetz. Beides zusammen, die Würde und die Liebe, dürfen nicht zum Spielball politischer Sperenzchen werden.
Recht walten lassen. Das meint im Kern: Menschen Sicherheit geben. Wo Recht ist, ist noch nicht unbedingt Gerechtigkeit, aber jedenfalls keine Willkür. Recht sorgt dafür, dass niemand den Launen anderer ausgeliefert ist, dass auch Mächtige nicht machen können, was sie wollen und dass Ansprüche durchgesetzt werden können. Dass Strafen verhältnismäßig ausfallen. Dass nicht Angst haben muss, wer sich an die Regeln hält; dass es überhaupt Regeln gibt.
Gott hat sich an seine Gebote und an das Recht gebunden und mit Israel einen Bund geschlossen, in den die Kirche aufgenommen wurde. Mit diesem Bund schützt er seine Geschöpfe auch vor seiner eigenen Macht und seinem Zorn. ‚Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Ente, Frost und Hitze, Somme rund Winter, Tag und Nacht‘ heißt es nach der Sintflut. Gott selbst demütigt sich unter sein Gebot, und die Menschen sollen es auch tun. Gerade auch die Mächtigen.
Eins der Gebote, die in der Bibel am häufigsten vorkommen, ist das, welches Fremdlinge schützt und ihnen dieselben Rechte zuspricht wie den Alteingesessenen. In einer Gesellschaft im Übergang von nomadischem Leben zur Sesshaftigkeit und mit durch Hungersnöte ausgelöster Migration war das ein zutiefst humanes Gebot – und es ist es heute wieder, in einer Zeit, in der Wirtschafts-, Kriegs- und Klimaflüchtlinge rund um den Erdball unterwegs sind.
Gott gelten lassen.
Mitmenschen leben lassen.
Recht walten lassen.
Demut als Selbstbescheidung und Dienstwilligkeit lässt sich durch diese drei Gebote beschreiben. Mehr nicht, weniger auch nicht. Wenn wir dafür einstehen, sind wir demütig vor Gott und trotzen dem Hochmut dieser Welt.
Ich glaube, genau das ist in dieser Zeit unsere Aufgabe. Mehr nicht, weniger auch nicht.
Gott gelten lassen.
Mitmenschen leben lassen.
Recht walten lassen.
Das tun heißt demütig sein. Sich nicht an Gottes Stelle setzen, seine Mitgeschöpfe respektieren und Willkürherrschaft nicht dulden.
Kommen wir noch einmal zurück zu dem Predigttext aus dem Petrusbrief. Im Zusammenhang mit der Demut heißt es dann weiter: „Alle eure Sorge werft auf ihn, denn er sorgt für euch.“ Darin liegt der Lohn der Demut. Mit Gott im Bunde zu sein, und ihn – oder sie – als Seelsorger, als Seelsorgerin zu haben. Mit der Sorge um die Welt nicht allein bleiben, und Gottes Widersachern nicht ausgeliefert zu sein. Und den eigenen hochmütigen Seiten auch nicht.
Den Demütigen gibt er Gnade, und den Hochmütigen widersteht er. Wie tröstlich, diese Welt diesem Gott anvertrauen zu können: „Schaut die Lilien auf dem Feld an, wie sie wachsen; sie arbeiten nicht, auch spinnen sie nicht. Ich sage euch, dass auch Salomo in all seiner Herrlichkeit nicht gekleidet gewesen ist wie eine von ihnen.“ Gott gibt seine Welt nicht preis, und ihm nachzufolgen ist eine Demut, die nicht mucksmäusig macht, sondern aufrichtet und gekrönt mit Gnade und Barmherzigkeit.

