


Liebe Anwesende, liebe Kippa-Tag-Freundinnen und Freunde!
Ich finde es heute schwer, zu reden.
Die Nachrichten aus Gaza zerreißen mir das Herz. Obwohl ich nicht dort bin. Obwohl ich das, was dort geschieht, nur gefiltert durch die Nachrichtensender wahrnehme.
Was ich sehe und höre, gibt mir das Gefühl, dass Israel in furchtbarer Weise an den Friedensvisionen der hebräischen Bibel scheitert.
Es gibt mir das Gefühl, dass die Hamas in ebenfalls furchtbarer Weise die Hingabe an Gott, von der der Koran spricht, verdreht.
Wirklich verstehen kann ich nicht, was in Israel geschieht. Und ich habe es erst recht nicht zu beurteilen. Ich lebe nicht dort, habe dort nie gelebt.
Aber es entsetzt mich, welche Auswirkungen der Krieg dort auf den Frieden hier hat.
Wie hierzulande und in Europa einseitig Partei ergriffen wird – gegen Israel.
Wie gedankenlos aus Kritik an der aktuellen Politik des Staates Israel Antisemitismus wird: die Ausgrenzung jüdischer Künstler- und Sportler:innen und die Haftbarmachung einzelner Jüdinnen und Juden für ein Land, dessen Bürger:innen sie nicht sind.
Das entsetzt mich.
Weil ich es gehasst habe, als Schülerin und junge Frau im europäischen Ausland als ‚Nazi‘ bezeichnet zu werden und als Erwachsene für den deutschen Rassismus der 90er Jahre angefeindet zu werden. Weil ich es als Christin hasse, für die Kreuzzüge angegangen zu werden. Weil ich annehme, dass andere Menschen es genauso hassen, für alles Schlimme in ihrem Land angemacht zu werden.
Ich hasse diese Haftbarmachung, weil ich weiß, dass ich weder ‚typisch deutsch‘ noch ‚typisch christlich‘ bin.
Und weil ich – bei allen Fehlern und vielleicht viel zu wenig – aber doch mein Leben lang gegen Antisemitismus und gegen Rassismus gepredigt und geredet, geschrieben und demonstriert habe.
Weil ich Verantwortung übernehme für die Schuldgeschichte Deutschlands und der Kirche und der Stadt, in der ich lebe. Weil meine Treue und Verbundenheit zu Deutschland und zum Christentum eine komplizierte Sache und trotzdem mein tief im Herzen verwurzeltes Wesen sind.
Darum hasse ich die platte Zuschreibung von Schuld und darum entsetzt es mich, wenn es in diesen Tagen gegenüber Juden und Jüdinnen geschieht und ihnen nicht geglaubt wird, dass ihr Verhältnis zu Israel kompliziert ist.
Ich erlebe Zwiespältigkeit in meinem Verhältnis zu meinem Land. Und ich lese und höre von einer ganz anderen und doch ähnlichen Zwiespältigkeit von Jüdinnen und Juden in und außerhalb von Israel, die dieses Land lieben und scharf kritisieren und bitter leiden an dieser Zwiegespaltenheit; darum entsetzt mich das heftige und dumme und grausame Aufflammen des Antisemitismus bei uns, in Europa, weltweit.
Ich schäme mich dafür.
Genauso, wie ich mich dafür schäme, dass es in unserem Land Diskriminierung und Morde an Migrantinnen und Geflüchteten gibt. Ich schäme mich für den Antisemitismus und dafür, dass die Ausgrenzung jüdischer Kulturschaffender und Künstler wieder zurück ist in Europa.
Und dafür, dass wir alle wieder furchtbar scheitern an den Geboten der Mitmenschlichkeit, die die Welt der jüdischen Tora verdankt: Gott gelten lassen. Mitmenschen leben lassen. Recht walten lassen.
Ist das denn so schwer?
Gott gelten lassen. Mitmenschen leben lassen. Recht walten lassen.
Ja, wir können diese Gebote auch dem Staat Israel als Spiegel vorhalten. Aber das ist nicht das Wichtige.
Das Wichtige ist, dass wir selbst hören, was einst der Jude Jesus einer wütenden, selbstgerechten und mordlustigen Menschenmenge entgegenhielt: ‚Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein‘.
‚Wer unter euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein‘. Damals ließen sie ihre Steine fallen und gingen einer nach dem anderen still davon.
Heute reicht es nicht, wenn wir davon gehen.
Heute müssen wir stehenbleiben, standhalten, Verantwortung übernehmen für die Gebote der Mitmenschlichkeit, für die Mitmenschlichkeit gegenüber Jüdinnen und Juden, gegenüber allen Menschen. Überall. Und im Wissen um die Zwiespältigkeit, die so viele erleben, müssen wir unsere Steine fallen lassen und nicht urteilen.
Danke.

